LitTipps

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Ein Book-Review der etwas anderen Art


Die LitTipps wollen nicht nur über die neueste religionspädagogische Literatur informieren, vielmehr wollen die LitTipps die Lehrkräfte im Fach Religion, die Lust am Lesen haben, von ganz verschiedenen Seiten her inspirieren: Von der Fachliteratur bis zum Krimi, vom Hörbuch bis zum Computerspiel – einfach ohne Begrenzungen und gnadenlos subjektiv, auch nicht dem Götzen der Aktualität verpflichtet.

LitTipps ist ein Service von Dr. Volker Dettmar, Schulpfarrer der EKHN, Journalist und Autor, Vater dreier Kinder. Seine Leidenschaften: Computer, Kochen, Fotografieren, notorische Neugier, Himmel über dem Kopf und natürlich Lesen. Die LitTipps gibt es als eine ständige Rubrik in den RPI-Impulsen. Die Online-Version bietet gegenüber der Printausgabe den ein oder anderen Hinweis oder Link.

Archiv


Hier finden Sie LitTipps aus früheren Ausgaben der RPI-Impulse.

Aktuelle LitTipps


Philippe Wampfler
Generation Social Media

Wie digitale Kommunikation Leben, Beziehungen und Lernen Jugendlicher verändert


Vandenhoeck & Ruprecht

Der Schweizer Philosoph und Medienkundler erzählt, wie digitale Kommunikation das Leben, die Beziehungen und das Lernen von Jugendlichen verändert. Diese Tatsache ist unbestritten, wie das aber zu deuten ist, da gehen die Meinungen auseinander. Die einen sehen darin den Untergang des Abendlandes, die anderen sehen hier eine nie dagewesene Chance, dass Jugendliche abseits von etablierten, schwerfälligen Strukturen Mittel und Wege finden, sich zu bilden und zu informieren.

Seine Haltung ist kritisch zugewandt: Anstatt vorschnell von „Sucht“ zu sprechen (ein Vorwurf, den sich auch der Film, das Fernsehen und selbst das Buch anhören mussten!), versucht er die Praktiken der Jugendlichen aus sich heraus zu verstehen, ordnet sie in ihren Entwicklungsprozess ein, weist auf Gefahren und ökonomische Strukturen hin und eröffnet dann einen pädagogischen Zugang.

Das Beste an diesem Buch ist, das man die Kompetenz erwirbt, Schüler*innen zum Gespräch über ihre - oft fremden - Medienpraktiken einzuladen, anstatt nur disziplinarisch oder klagend zu reagieren.

Und hier kann man den Autor in klarer und verständlicher Weise sprechen hören und sehen!

Martin Altmeyers Buch „Auf der Suche nach der Resonanz“ ist ein ähnlich wegweisendes Buch. Hier wird von der Position der Psychoanalyse auf das Phänomen der sozialen Medien geblickt. Mehr dazu auf der Homepage des Verlages und in einer interessanten Besprechung bei den katholischen Kolleg*innen.

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Holm Tetens
Gott denken

Ein Versuch über rationale Theologie


Reclam

 

90 Seiten, aber Vorsicht, die haben es in sich! Der gewichtigste Widersacher des Gottesglaubens, so der Professor für theoretische Philosophie aus Berlin, sei der der Naturalismus. Der behauptet nämlich, dass es nur die durch die Wissenschaften erkennbare Erfahrungswelt gäbe.

Der Autor kann aber gute Argumente dafür ins Feld führen, dass diese Behauptung selbst eine Glaubensaussage ist: Es sei nicht möglich, das Mentale und das „Ich“ rein naturalistisch zu erklären. Mehr noch: der Naturalismus selbst ließe sich nicht aus den Naturwissenschaften ableiten. Die Philosophie müsse, so Tetens, wieder über den gnädigen Gott, der vorbehaltlos unser Heil wolle, nachdenken, anstatt den Menschen als ein Stück hochkompliziert organisierter Materie zu sehen.

Eine Streitschrift ohne Polemik, dafür mit einer Argumentationsdichte, die ihresgleichen sucht. Findet auch die ZEIT.

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Eugen Ruge
Follower

 


Rowohlt

Das ist eines der verrücktesten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Das merke ich immer daran, dass ich immer wieder Leuten davon berichten muss. Eugen Ruge erzählt eine finster-komische Geschichte aus der nächsten Generation, aus einer Zukunft, in der wir schon jetzt leben.

Aber zuerst zum Stil (hier gibt es Leseprobe!): Die Geschichte von Nio Schulz, der in China unterwegs ist, um die neueste Geschäftsidee seiner Firma zu vermarkten, wird ohne Punkt, ohne Satzende erzählt. Was bei vielen Autoren eher als bemühte Originalität daherkommt, wird bei Ruge zum „time tunnel“ hin zum Verschwinden von Nio aus der digital bestimmten Welt. Schwer, sich diesem Sog zu entziehen.

Nio schwimmt in einem Strom unaufhörlicher Informationen, die er in seine Brille eingespiegelt bekommt. Seine Welt ist „pc“, gegendert, optimiert: Männerfahrstuhl, Sonderbefähigte am Frühstückstisch, eumelanin-pigmentierte Menschen, Kaiserschmarrn eifrei, milchfrei, mehlfrei, ohne Zucker. Nio taumelt durch seine Welt wie in einer Wasserrutsche, einer Röhre voller aufblinkender Lichter und unerwarteter Richtungswechsel.

Dann am Ende des Buches ein unglaublicher Abschnitt: Vom Urknall an entwickelt der Autor die Unwahrscheinlichkeitsgeschichte, die zum Individuum Nio Schulz führt, die Unwahrscheinlichkeit der Entstehung des Kosmos, der Erde, des Lebens und dann durch die Menschheitsgeschichte hindurch die Unwahrscheinlichkeit der Generationenfolge. Und doch existiert er, um dann vom Radar der Überwachungsbehörden zu verschwinden und aus der Welt der Waren zu entfliehen. Wie gesagt, ein verrücktes Buch.

Etwas kritischer sieht das Burkhard Müller von der ZEIT

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Günter Scholz
„Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?“

Martin Luther in Selbstzeugnissen


C.H. Beck TB

Bücher über Luther werden im Moment nicht gezählt, sondern in Kilo gewogen. Warum sollte man nun also dieses Luther-Buch kaufen und lesen? Ganz einfach der Sprache des Reformator wegen! Der Kunsthistoriker Günter Scholz lässt den Wittenberger im Original zu Wort kommen und seine Geschichte erzählen. Schaut man ins Inhaltsverzeichnis, wird einem klar, dass hier nicht jedes Thema tiefgründig und gelehrt behandelt werden kann. Es sind vielmehr Schlaglichter. So wird z.B. das Übersetzen auf sieben schmalen Seiten verhandelt. Dafür hört man den Reformator im O-Ton und das mag dazu beitragen, dass sich das Gesagte dauerhafter im Gehirn festkrallt.

Und noch etwas ist zu bemerken: Der Autor redet den polternden Mönch nicht schön, bei machen Zitaten hält man die Luft an und es gibt wohl keine Seite, die man als politisch korrekt bezeichnen kann.

Deswegen sollte es nicht das einzige Buch sein, das man über Luther und die Reformation liest. Aber diese Gefahr droht dieser Tage ja kaum.

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Alissa Ganijewa
Eine Liebe im Kaukasus


Suhrkamp

 

 

In diesem Roman stimmt nichts! Es ist eine verrückte Welt dort im postsowjetischen Dagestan, irgendwo in einem Ort an der Bahnstrecke zum Kaspischen Meer, einer Welt, der beim Spagat zwischen Tradition und Moderne die Sehnen gerissen sind. Die 25-jährige Patja und der Rechtsanwalt Marat arbeiten beide in Moskau, treffen sich aber erst in ihrem Heimatort. Marats Mutter hat schon einen Hochzeitssaal gemietet, allein es fehlt noch die Braut. Nervenzehrend führt sie ihrem Sohn eine nach der anderen vor – sein Widerstand lässt langsam nach. Patja hingegen muss sich der Avancen des paschahaften Timur erwehren, der ihr mit psychischer Gewalt nachstellt. Im Hintergrund der Kampf der alten sufistischen Moschee und der eindringenden wahabitischen, der Kampf zwischen Folklore und Konsum, Aberglaube und Internet. Dazu kommt noch der schillernde Oligarch Halilbek, der je nach Perspektive als mafiöser Verbrecher oder als väterlicher Heiliger gesehen wird.

Die Sprache des Romans ist ein Feuerwerk, mit ihr begegnet die Autorin in einer Art Notwehr der grotesken Welt ihrer Heimat. Ein Hinweis: Wer nicht gerade ein Spezialist für Sufismus ist und über profunde Kenntnisse der Geschichte Dagestans verfügt, sollte das Schlusskapitel „Hinweise für den uneingeweihten Leser“ der Übersetzerin vorab lesen. Hier gibt es noch eine Leseprobe und einen Hörfunkbeitrag des WDR.

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Harmjan Dam, Selçuk Dogruer,
Susanna Faust-Kallenberg

Begegnung von Christen und Muslimen in der Schule

Eine Arbeitshilfe für gemeinsames Feiern


V&R

Christlich-islamischer Dialog findet meist auf der Ebene der willigen Erwachsenen statt – wichtig, aber eigentlich eine Sonderwelt, die mit der Gesellschaft wenig zu tun hat. Dagegen wird das Fundament für ein gelungenes Zusammenleben an der Schule gelegt. Deswegen sind diese 100 Seiten so wichtig.

Nach einer theologischen Grundlegung aus islamischer und christlicher Sicht findet man im Buch praktische Informationen für die Begegnung von Muslimen und Christen an der Schule, fast wie ein Nachschlagewerk: Vom Sportunterricht bis zur Trinität ist hier vieles auf kleinem Raum und für jeden voraussetzungslos dargestellt.

Den Schwerpunkt bilden aber die beiden Schlusskapitel: Zuerst werden vier verschiedene Formen gemeinsamer Feiern dargestellt, unterschieden durch die „Fettnapfdichte“: Unproblematisch sind Formen der liturgischen Gastfreundschaft, hier gelten die Regeln des Gastgebers. Bei multireligiösen Feiern wird nebeneinander, bei interreligiösen Feiern aber miteinander agiert. Sehr sensibel muss man mit Schulveranstaltungen mit religiösen Elementen umgehen.

Religiöse Feiern an der Schule sind meist Kasualien: Das Bedürfnis danach erwächst oft aus Notsituationen wie bei Trauerfeiern oder sind gefragt anlässlich von Katastrophen. Und diese ereilen die Schulgemeinde ungefragt und plötzlich. Deswegen ist es so wichtig, dass Untertitel ist nicht nur so daher gesagt ist: Das Buch ist eine wirkliche Arbeitshilfe. Man muss es einfach in der Tasche haben, wenn man in einer Schule mit vielen Muslimen unterrichtet.

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Rainer Oberthür
Das Buch vom Anfang von allem


Kösel

 


Zwei Geschichten und einfach nur schön! Im oberen Teil der Seite wird die Entstehung der Welt aus der Sicht der Naturwissenschaft beschrieben, im unteren Teil aus der Sicht der Bibel und des Glaubens. Verbunden sind beide durch Bilder.

Mit einem poetischen Zugang überwindet Oberthür die scheinbare Unversöhnlichkeit zwischen Naturwissenschaft und Bibel und fügt es zu einem Ganzen. Es ist erfrischend, dass es kein „Und die Bibel hat doch recht!“ gibt – keine Rechtfertigung, einfach nur der andere Blick, der Blick des Geschöpfs auf die Schöpfung.

Die Texte sind fast liturgisch. Man könnte sich einen Gottesdienst vorstellen, in dem zwei Menschen die beiden Stränge lesen, die Bilder in die Kirche projiziert werden, die Orgel das Geschehen kommentiert.

Das Neben- und Ineinander der beiden Sichtweisen zeigt die Schönheit und – für Kritiker – die Versöhnung von Schöpfung und Evolution. Und Gott sah, dass es gut war!

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Stefan Klein
Träume.

Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit


Fischer TB

 

Sind Träume ein nächtliches Elektronengewitter, dem wir am Morgen einen Sinn zu verleihen versuchen, weil wir ohne Sinn nicht leben können. So jedenfalls eine alte Theorie der Traumforschung.

Beileibe nicht! Das erzählt der Wissenschaftsautor Stefan Klein. Die Traumwelt ist ebenso real wie unsere äußere Wirklichkeit, sie ist unsere innere Wirklichkeit, in der wir ein Drittel unseres Lebens verbringen. Träume bestehen aus Erinnerungen, Emotionen und Bildern, neu und fantastisch zusammengewürfelt. Und hier übernehmen die Emotionen die Leitung: Sie „suchen sich“ die passenden Bilder aus unserem Gedächtnis – eine revolutionäre Erkenntnis.

In der Traumwelt sind wir keine passiven Zuschauer, sondern Akteure. Kurz gesagt: Wir haben ein Ich. Aber wir sind “verwirrte Denker“: Im Traum herrscht zwar eine Logik, ihr Faden entgleitet uns aber immer.

Und wir müssen umdenken: Unser Bewusstsein ist nicht immer nur ein Funktion des Wachseins. Träumen hat so nicht nur die Funktion, Erlebtes zu sortieren und in den Wissensspeicher zu befördern. Wir lernen und üben Fähigkeiten, verarbeiten und heilen schlimme Erlebnisse und stärken unsere Kreativität.

Es ist ein faszinierendes Buch, denn man liest nicht über eine Sache, sondern über sich selbst. Selten hat ein Fachbuch diesen Titel so elegant überschritten: Die Sache bin ich!

Was für's Auge: Das EKHN-Multimedia-Special aus dem Medienhaus und der Autor höchstselbst im Video.

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