LitTipps


Ein Book-Review der etwas anderen Art


Ticker

+++ Gerade angekommen und ich freue mich auf`s Lesen: Alessandro Baricco "The Game". Das ständige Ineinander von Web und Welt ist uns längst zur Normalität geworden. In seinem neuen Buch zeichnet der Autor die Geschichte der Digitalisierung auf heiter-essayistische Weise nach und lädt uns ein, ungezwungen über unsere eigene Verflechtung mit der digitalen Welt und ihre kritischen Entwicklungen nachzudenken. +++ "Nicht heulen, sondern handeln" - das ist eine freundliche Provokation des katholischen Publizisten und Kommunikationsberaters Erik Flügge (Kösel). Gottesdienst abschaffen, Bibel weiterschreiben, einen "Propheten" wählen - das klingt unrealistisch, legt aber den Finger in evangelische Wunden. Durchaus diskussionswürdig. +++ Beten, feiern, frei sein - so versteht Mira Ungewitter ihr Christsein. Die Pastorin einer freien Gemeinde in Wien beschreibt ihren Werdegang. Fromm und trotzdem fett leben. Klingt gut. Das Buch heißt "Roadtrip mit Gott" +++

Die LitTipps wollen nicht nur über die neueste religionspädagogische Literatur informieren, vielmehr wollen die LitTipps die Lehrkräfte im Fach Religion, die Lust am Lesen haben, von ganz verschiedenen Seiten her inspirieren: Von der Fachliteratur bis zum Krimi, vom Hörbuch bis zum Computerspiel - einfach ohne Begrenzungen und gnadenlos subjektiv, auch nicht dem Götzen der Aktualität verpflichtet.

LitTipps ist ein Service von Dr. Volker Dettmar, Schulpfarrer der EKHN, Journalist und Autor, Vater dreier Kinder. Seine Leidenschaften: Computer, Kochen, Fotografieren, notorische Neugier, Himmel über dem Kopf und natürlich Lesen. Die LitTipps gibt es als eine ständige Rubrik in den RPI-Impulsen. Die Online-Version bietet gegenüber der Printausgabe den ein oder anderen Hinweis oder Link.

Archiv


Hier finden Sie LitTipps aus früheren Ausgaben der RPI-Impulse.

Aktuelle LitTipps



Sonja Koppitz
Spinnst du?

Warum psychische Erkrankungen ganz normal sind


rowohlt polaris

In der Gesellschaft der Selbstoptimierung ist es nicht gerade angesagt, genau hinzusehen, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Die vermeintlich guten Ratschläge reichen von „Das geht wieder vorbei!“ bis „Reiß dich doch mal zusammen!“ Sonja Koppitz, selbst an einer wiederkehrenden Depression erkrankt, möchte das ändern. Die Journalistin produziert einen Podcast gleichen Namens beim rbb und hat nun dieses Buch darüber veröffentlicht.

ADHS, Angst-, Ess- oder Zwangsstörungen, Autismus, Burnout, Borderline oder Schizophrenie, ganz zu schweigen von der Volkskrankheit Depression – über all das liefert sie einen Überblick, zeigt Lösungswege auf und verweist darüber hinaus auf Möglichkeiten für Angehörige, psychisch Kranken zu begegnen.

Von der ersten Seite an zieht das Buch einen in Bann. Man spürt, dass sie das alles nicht nur versteht wie ein Wissenschaftler sein Fachgebiet versteht, sondern vieles er- und durchlebt hat. Dabei ist ihre Sprache ohne falsches Pathos, gleichzeitig aber humordurchwoben - drinnen und doch von draußen.

Über psychische Erkrankungen zu schreiben, geht ihr leicht von der Hand, es liest sich leicht, ohne zu verharmlosen. Sie ist einerseits Betroffene, andererseits Journalistin mit dem Auftrag zur Distanz – und damit verstößt sie fröhlich gegen journalistische Grundgesetze. Man bekommt nicht nur eine Ahnung, wie man eine Erkrankung der Seele beschreiben kann, sondern mehr noch, wie es sich vielleicht anfühlen könnte. Gerade wenn man Menschen mit dieser Bürde im Kreis der Freunde und Freundinnen hat, bekommt man das Gefühl, diese endlich ein wenig von innen zu verstehen.

Eine ähnliche Einschätzung, aber länger findet man auf der Sachbuch-Couch.

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Charles Pépin
Kleine Philosophie der Begegnung

 


Hanser

 

Wir sehen unsäglich viele Menschen, wir haben Termine, Treffen, Meetings, Verabredungen, Calls und Konferenzen. Und wir begegnen Menschen! Dies ist aber etwas ganz anderes, meint der französische Philosoph Charles Pépin.

Im Wort Begegnung steckt das Wörtchen gegen: Wir stoßen auf jemanden, eine Kollision mit der Andersheit. Jemand bringt uns aus der gewohnten und erwarteten Bahn. Es klingt banal, ist aber eine sehr schlichte Wahrheit und Erfahrung: In der Begegnung verändern wir uns, mehr noch wir begegnen uns selbst. Pépin geht der Frage nach, was freundschaftliche, romantische, professionelle und zufällige Begegnungen für den Einzelnen bedeuten.

Besonders augenfällig wird es, wenn er über die Begegnung mit Freunden spricht: Hier greift er auf Aristoteles zurück: Die Begegnung mit einem Freund macht mich zu einem besseren Menschen, durch die Begegnung tritt etwas aus mir zu Tage, das mich voranbringt. In der Begegnung begegne ich mir selbst.

Pépin erzählt in kleinen Kapiteln, die so rund und abgeschlossen sind, dass ich das Buch ruhig zur Seite legen kann, um den Gedanken nachzugehen. Er erzählt von Menschen, die sich begegnet sind und sich verändert haben: Picasso, dessen Freundschaft zu einem Dichter die Menschen mit anderen Augen erblicken ließ, von Voltaire, dessen Lieben zu einer gänzlich unterschiedlichen Frau, ein Leben veränderte. Er erzählt aber auch von den Begegnungen mit Büchern, von Philosophen und Musikern.

Am Ende fragt man sich, welche Begegnungen den eigenen Weg bestimmt und verändert haben, ruft innere Szenen wach, Schnittstellen und Weichenstellungen. Die „Kleine Philosophie der Begegnung“ ist ein sehr berührendes Buch.

Allerdings fragt sich die TAZ u.a., ob dieses Buch noch hinreichend ist in einer Zeit der digitalen Begegnungen.

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Elisabeth Kolbert
Wir Klimawandler

 


Suhrkamp

 

Aus dem biblischen Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, ist düstere Realität geworden. Der Mensch unternimmt unglaubliche Anstrengungen, flickt und repariert an tausenden Stellen, um zu heilen, was er selbst zerstört hat: Genetische Veränderungen der Korallen, um die Riffe zu retten, Flussbegradigungen zur Landgewinnung, die aber den gegenteiligen Erfolg haben, da Überschwemmungen alles wegreißen, Ansiedlungen von fremden Arten wie den Silberkarpfen im Chicago River, deren man nicht wieder Herr wird – all das beschreibt die Journalistin mit sprachlicher Präzision und Sachverstand.

Wir haben gegenwärtig eine komplizierte Naturbeziehung. „Es geht weniger um die Beherrschung der Natur als um die Kontrolle der Naturbeherrschung.“ Wir müssen die Folgen unserer Eingriffe im Zaum halten - eher Verwicklungen als Entwicklungen, wie ein Mensch im Moor: Je mehr er strampelt, desto tiefer sinkt er ein.

Konsequent das Schlusskapitel: Hier besucht sie Projekte, die die Treibhausgase wieder aus der Atmosphäre entfernen und z.B. im isländischen Vulkangestein verpressen. Aber auch hier zeigt sich der Pessimismus der Reporterin, mit dem sie hoffentlich nicht recht hat. Es ist offensichtlich leichter, ein Ökosystem zu ruinieren als zu betreiben. Die Natur, so ihre düstere Prognose, wird in ihrer Existenz immer mehr vom Menschen abhängen. Ein „Zurück zur Natur“ gibt es nicht. Beeindruckende Reportagen einer Pulitzer-Preisträgerin.

Das Buch fand viel Interesse im Blätterwald, Besprechungen z.B. von FAZ und Süddeutscher finden sich bei den Rezensionen von buecher.de.

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Marc Levy
Jeder Anfang mit dir

 


Blanvalet

 

Die Liebesgeschichte, die den Rahmen des Buches bildet, ist lebendig und sprudelnd, war aber nicht der Grund, warum ich mich für dieses Buch interessierte.

Josh und Luke, zwei junge Neuro-Wissenschaftler, haben ein seltsames Stipendium bekommen. Zusammen und in Konkurrenz zu anderen arbeiten sie an einer Schnittstelle zum menschlichen Hirn. Die Grundfrage:  Kann ich die Daten oder Signale des menschlichen Gehirns irgendwie aus dem Körper herausholen? Die beiden haben einen Weg entdeckt, wie Neuronen aus dem Gehirn auf Siliziumchips neue neuronale Netzwerke gebildet haben.

Ach ja, die Liebesgeschichte: Josh verliebt sich in Hope, ebenfalls eine Studentin - ihre Geschichte nimmt Fahrt auf und bald sind sie unzertrennlich.

Und keine Liebesgeschichte ohne Drama: Hope erkrankt an einem Gehirntumor und ihr bleiben nur noch wenige Monate zu leben. Nun setzt Josh alles daran, Hopes Gedächtnis zu konservieren und einen Klon davon zu erstellen. Und dann soll dieses Gedächtnis auf einen gesunden Körper transferiert werden. Die perfekte Empfängerin ist die Tänzerin Melly, die seit einem Unfall im künstlichen Koma liegt. Wird aus der einst narzisstischen Nelly nun die warmherzige Hope?

Die Forschungen aus dem Roman sind keine Science-Fiction, ganz real wird daran geforscht. Der Autor stellt hier die Frage nach dem Wesen des Menschen. Besteht seine Persönlichkeit aus der Summe seiner Gehirnströme und Neuronen-Verbindungen? Was passiert, wenn man den Geist von seinem Körper trennt? Können – und dürfen! - wir die Summe der Gedanken und Gefühle eines Menschen auf eine Festplatte kopieren? Das sind ethische Fragen, deren Beantwortung wir nicht allzu lange Zeit aufschieben dürfen.

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Hervé Le Tellier
Die Anomalie

 


rowohlt

 

Ein Flugzeug gerät auf dem Flug von Paris nach New York in einen gefährlichen Gewittersturm und landet auf dem JFK-Airport. Danach werden die Geschichten einiger Überlebender erzählt.

Das ist die junge schwarze Juristin Joanna, die einen CEO vertritt und zu einem Geheimtreffen der Pharma-Granden eingeladen wird. Oder der aufbrausende Afghanistan-Veteran Clark, der die Unke seiner Tochter retten muss und dessen Frau gerade entdeckt hat, dass er sie mit geklauten Gedichten erobert hat. Und der homosexuelle nigerianische Rapper Slimboy, der direkt nach dem fatalen Flug seinen Erfolgssong schreibt. Mit an Bord ist auch der ältere Architekt, der nicht verwinden kann, dass eine kluge, schöne und junge Frau ihm den Laufpass gegeben hat. Oder Blake, der Auftragskiller. Ach ja, und Victor Miesel, ein talentierter, aber erfolgloser kafkaesker Autor, der nach dem fatalen Flug das Buch „Die Anomalie“ schreibt und von der Welt enttäuscht vom Hochhaus springt. Hätte er eine Weile gewartet, hätte er seinen Erfolg doch noch erlebt. Das alles ist grandios erzählt: Vorhang auf, Blick in ein Leben, Cliffhanger, Vorhang zu, nächster Akt. Das allein presst einen schon in den Lesesessel.

Dann aber kommt es zu einer Situation, in der das Protokoll 42 – nicht vorhersehbarer Zwischenfall – greift. Wem diese Zahl etwas sagt, war in den 80ern per Anhalter unterwegs in der Galaxis. Die US-amerikanischen Behörden sind beunruhigt. Denn das Flugzeug landet drei Monate danach noch einmal auf dem JFK, an Bord die identischen Personen. Ist das eine Anomalie in der Matrix dieser Welt, die vorgibt, Realität zu sein?

Die Protagonisten treffen nun auf ihren Klon. Die Version 2.0 unterscheidet sich allein durch drei Monate weniger Lebenserfahrung. Der Auftragskiller löst das Problem mittels der Kernkompetenz seines Berufs. Koexistenz, Konkurrenz, Krieg? Wie werden die Charaktere die Situation lösen. Der Schriftsteller Victor Miesel antwortet auf die Frage, was denn nun anders werde durch die Duplizierung, mit einem schlichten „Nichts!“ Aber er hat gut reden, sein Alter Ego bereichert bereits die Ewigkeit.

Wissenschaftliche Spekulation, Zeitsatire, Thriller, mathematisch-philosophisches Experiment – alles in einem und – ich verwende dieses abgedroschene Wort eigentlich nie – ein Pageturner.

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Katja Petrowskaja
Vielleicht Esther

 


Suhrkamp

 

Den Nachfahren der Holocaust-Überlebenden fehlt es oft an Geschichten und Bildern, die ihre Vorfahren beschreiben oder zeigen. Vielleicht hat sich die Autorin - "Ich bin eher zufällig jüdisch" – deswegen auf die Reise in Richtung Warschau gemacht. Ahnenforschung zu Fuß.

Die Namen überschlagen sich, schwer zu merken für den Leser, die Leserin, aber das ist auch nicht nötig: Die inneren Welten und Reisen, die Gefühle der Autorin sind eindrücklich.

Man mag es kaum glauben: Trotz der schweren Geschichte, die sie erzählt, bleibt sie in gewisser Weise heiter - es fällt immer ein Sonnenstrahl auf das Dunkel des Erzählten. Mira z.B., die Journalistin, ist durch eine erschreckende Anzahl von Lagern gegangen. Ein Blechnapf mit Familienfotos und Papieren rettete Mira durch die Vernichtungsmaschinerien. Am Ende ihrer Suche würde die Ich-Erzählerin nach Hause zurückkehren, ganz sicher. Aber sie weiß nicht, ob diese Rückkehr in der Sprache, im Raum oder in der Verwandtschaft lag. Fragmente eines zerbrochenen Familienmosaiks, bewegend erzählt in lapidaren Geschichten

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Juli Zeh
Über Menschen

 


Luchterhand

 

Dora flieht. Sie flieht aus der großen Stadt, aber nicht vor der großen Stadt. Sie will nicht ihr Leben durch den Anbau von Biotomaten entschleunigen, obwohl ihr Beruf als Werbetexterin durchaus stressig ist. Sie flieht vor ihrem Freund Robert, der wegen Corona zunehmend in Panik verfällt, der angesichts des Klimawandels in den Katastrophenmodus wechselt und das alles nun auch noch genießt.

Dora flieht nach Bracken, ein Dorf in der Prignitz, kauft dort ein verwahrlostes Grundstück einem ebensolchen Haus. Ihr fehlt es an allem: an Auto oder Rad, Möbeln und Werkzeugen – schlechte Voraussetzungen, um dem überwucherten Land Kartoffeln zu entlocken.

„Ist das dein Scheißköter?“ Ein kahlgeschorener Schädel guckt über den Mauerrand, er gehört zum Nachbarn, der sich vorstellt: „Ich bin hier der Dorf-Nazi.“ Man ahnt es schon: Hier soll ein Klischee destruiert werden und es soll nicht das einzige bleiben. Gote, der rechte Nachbar erweist sich als für seine Verhältnisse recht hilfsbereit. Dabei wird seine Bösartigkeit keineswegs verschwiegen.

Dora merkt, dass sie sich für etwas Besseres hält und erschrickt. Genau dieser Gedanke war es, den sie an Robert nicht ertragen konnte! Sie fragt sich, ob es denn immer besser sei, zu den Guten zu gehören, und macht die Erfahrung, dass die Dörfler nicht verrückter sind als die Städter, nur eben auf ihre eigene Weise.

„Über Menschen“ ist der erste Roman, der mitten im Lockdown im Frühjahr 2020 spielt und von den gesellschaftlichen und ganz privaten Folgen der Pandemie erzählt.  Und er ist mehr: über Menschen halt, hier darf Unversöhnliches versöhnlich enden.

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Benedict Wells
Hard Land

 


Diogenes
 

Eigentlich sollte man beim Lesen dieses Buchs Musik von Bruce Springsteen, ELO oder Steve Miller hören. Dann ist man wenigsten schon akustisch in der Zeit, in der der 15-jährige Sam seine entscheidenden Schritte ins Erwachsenenleben macht. Fehlt noch der Ort: Grady in Missouri, eine Kleinstadt, in der nur die Tristesse groß ist. Ach ja, der Inhalt. Den fasst Benedict Wells, selbst Jahrgang 1984 und mit diesem Zeitalter völlig unvertraut, gleich zu Anfang des Buches so zusammen: „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Um der Verschickung zu nervenden Verwandten zu entgehen, nimmt Sam einen Job im Kino der Stadt an. Dort trifft er auf vier andere Jugendliche, die dort abhängen (das Wort chillen war noch nicht erfunden!): Brandon, hochgewachsener Football-Spieler und deswegen Hightower genannt, der schlagfertigen Cameron, der auf Männer steht, und die schöne, draufgängerische Kirstie, die schon einen älteren Freund hat. Sam ist der Jüngste und wird erst nach einiger Zeit in den Freundeskreis aufgenommen und verliebt sich fast zwangsläufig in Kirstie. Wann immer sie sich treffen, werden tiefsinnige Gespräche geführt, z.B. wie man am schnellsten aus dem trübsinnigen Kaff herauskommen kann und was für ein aufregendes Leben man dann am College führen wird.

Benedict Wells gelingt es in berührender Weise, die Gefühlwelten zu beschreiben, leicht und klar und fließend, manchmal jedoch bleibt man an dem ein oder anderen Satz hängen wie an einem Fels im Fluss: „Einerseits zerreißt's dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird." Damit beschreibt Kirstie das Gefühl der ausgehenden Jugend und das Jahr von Sam. Und sie hat sogar ein Wort dafür erfunden: Euphancholie. Keine einfache Zeit, diese Jugend.

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