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Ein Book-Review der etwas anderen Art


Die LitTipps wollen nicht nur über die neueste religionspädagogische Literatur informieren, vielmehr wollen die LitTipps die Lehrkräfte im Fach Religion, die Lust am Lesen haben, von ganz verschiedenen Seiten her inspirieren: Von der Fachliteratur bis zum Krimi, vom Hörbuch bis zum Computerspiel – einfach ohne Begrenzungen und gnadenlos subjektiv, auch nicht dem Götzen der Aktualität verpflichtet.

LitTipps ist ein Service von Dr. Volker Dettmar, Schulpfarrer der EKHN, Journalist und Autor, Vater dreier Kinder. Seine Leidenschaften: Computer, Kochen, Fotografieren, notorische Neugier, Himmel über dem Kopf und natürlich Lesen. Die LitTipps gibt es als eine ständige Rubrik in den RPI-Impulsen. Die Online-Version bietet gegenüber der Printausgabe den ein oder anderen Hinweis oder Link.

Archiv


Hier finden Sie LitTipps aus früheren Ausgaben der RPI-Impulse.

Aktuelle LitTipps


Fechtner, Hermelink, Kumlehn, Wagner-Rau
Praktische Theologie

Ein Lehrbuch


Kohlhammer

 

Seit fast 20 Jahren geht mal wieder ein Lehrbuch der Praktischen Theologie an den Start – wurde auch Zeit! Erfreulich: mit 290 Seiten braucht man keinen Waffenschein dafür, kompakt, gut strukturiert und lesbar kommt es daher.

Aber warum sollte ich mir ein Lehrbuch kaufen? Das brauchte ich zur Examensvorbereitung und jetzt habe ich 10, 20 Jahre Praxis auf dem Buckel. Vielleicht gerade deswegen. Die Praktische Theologie versteht sich als Nachdenken über religiöses Handeln und das ist beim Lesen gut nachzuvollziehen.

Zuerst in den Querschnittsartikeln: Reflexion christlicher Religionspraxis, Christentum und moderne Gesellschaft, Religion und Gegenwartskultur und Religion und Individuum. Hier merkt man die Konzeption als Lehrbuch, denn diese Gebiete theologischen Nachdenkens sind nicht Darstellungen abwegiger Einzelmeinungen, sondern Gegenwartstheologie, allerdings zugespitzt und pfiffig, sensibel für kulturelle Veränderungen.

Es folgen die klassischen Handlungsfelder Kasualien, Kirchentheorie, Seelsorge, Pastoraltheologie, Liturgik und Homiletik. Die Religionspädagogik weist etwas Bemerkenswertes auf: Hier wird nicht mehr getrennt nach der Gemeindepädagogik und der Schulpädagogik – eine Ermutigung aller, die in der Schule arbeiten, und ein ekklesiologischer Fingerzeig.

Zu den klassischen Lebensäußerungen von Kirche und Religion treten Frömmigkeit/Spiritualität, Publizistik und Diakonik hinzu - eine notwendige und zugleich theologisch mutige Entscheidung aus der Wahrnehmung gegenwärtiger Religion heraus.

Fazit: Am Ende kommt man theologisch runderneuert, nach hinten versichert und nach vorne mit neuen Ideen versorgt aus dem Buch.

Hier kann man in das Inhaltsverzeichnis schauen, aber mindestens ebenso wichtig sind Sprache und Stil. Also mal ins erste Kapitel reinlesen.

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Hans-Werner Wahl
Die neue Psychologie des Alterns

 


Kösel

 

Der renommierte Altersforscher wartet mit „überraschenden Erkenntnissen über unsere längste Lebensphase“ – so der Untertitel – auf. Gar nicht überraschend ist der Spruch „Man ist so alt, wie man sich fühlt“, den ich immer mit einem inneren Stöhnen gehört habe. Neu ist allerdings, dass diese Binse wissenschaftlich belegbar ist. Menschen mit einem positiven Verhältnis zum Altern werden im Schnitt 7,3 Jahre älter. Da lohnt es sich doch, die Nase in ein Mut machendes Buch zu stecken.

Alten Menschen – so die Forschung – steht ein gut gefüllter Werkzeugkasten zur Verfügung, um mit Widrigkeiten und Anforderungen zurechtzukommen. Arthur Rubinstein z.B. glich seine träger gewordenen Finger beim Klavierspiel dadurch aus, dass er die Stellen vor den schnellen Passagen langsamer spielte, sodass die nachfolgenden vergleichsweise flott klangen. Aber es geht nicht nur um Ausgleich: im Alter gewinnt man z.B. an Welt- und Erfahrungswissen.

Da das Alter noch eine recht junge Erscheinung ist, geistern immer noch Altersstereotypen herum, die wirklich Einfluss auf das Leben haben können: man kann einen alten Menschen senil und gebrechlich reden! Umgekehrt gilt, dass das Altern im Kopf beginnt und interpretiert werden will.

Der Autor verschließt aber nicht seine Augen vor den schwierigen Entwicklungen. Unsere verlängerte Lebenserwartung hat ihren Preis, am Ende steht die Verletzlichkeit eines langen Lebens.

Es lohnt sich also, sich früh mit seinem Altern zu beschäftigen, denn die Weichen werden vorher gestellt.

Wer ein bisschen Zeit hat, kann sich hier diesen beeindruckenden Menschen im Interview ansehen.

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Jonas Lüscher
Kraft

 


C.H. Beck

 

Eine Million Dollar hat der Internet-Mogul Erkner ausgelobt für die Antwort auf die Frage, warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Genau das Richtige für Richard Kraft, Rhetorikprofessor aus Tübingen, der sich in jungen Jahren schon opportunistisch einen marktliberalen Anstrich gab. Genau das Richtige, weil er Geld braucht, um seine unglückliche Ehe mit Heike aufzulösen. Er macht sich auf ins Silicon Valley und versucht zu schreiben.

Statt sich darauf zu konzentrieren, tauchen vor seinem Auge seine Beziehungen auf: Jede Frau eine Sackgasse. Die letzten 14 Jahre samt Zwillingen bezeichnet Heike als „Experiment“, das es zu beenden gilt, gibt ihm 14 Tage familienfrei. Er muss an Johanna denken, die Biologin aus den Studienjahren, die ihre Hefekulturen politikfrei betreute – ein Symbol für die Naturwissenschaft, die über die Poetik lacht. Vielleicht kann er sie jetzt nach vielen Jahren hier besuchen.

Auch seine Theorien haben ihren Sinn verloren, der alteuropäische Intellektuelle scheitert. Fuchs und Igel: Der Fuchs ist schlau und kann vieles, ist aber dem Igel, der nur eine Sache kann, unterlegen - Kraft wird immer mehr vom Fuchs zum Igel. Die millionenschwere Rechtfertigung der Technik scheitert trotzdem.

Es ist eine Abfolge von unglaublichen Szenen, sprunghaft, aber doch letztlich zusammengesetzt. Und man wundert sich, warum ein recht unsympathischer Mensch einen so in den Bann ziehen kann.

Spannend dazu der Literaturkritiker Andreas Isenschmid in 3sat

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Ulrike Edschmid
Ein Mann, der fällt

 


Suhrkamp

 

Eigentlich so gar kein Buch für mich, Liebesgeschichte mit dramatischer Lebenswende. Juli 1986: Ein Paar, das ein neues Leben anfangen will, renoviert eine Berliner Wohnung. Er fällt von der Leiter, querschnittsgelähmt. Er kämpft sich zurück, aber es wird nicht die abgedroschene Floskel vom "Willen" bemüht. Er kann sich wieder mit Stöcken fortbewegen, aber von richtigem Laufen kann nicht mehr die Rede sein. Das Fallen hört nicht auf – er fällt immer wieder, im Bad, auf dem Gehsteig, im Büro, im Supermarkt. "Er lernt zu fallen", heißt es an einer Stelle. "Ob es geht, wird sich zeigen, wenn er es tut. Sein Weg ist keine Rückkehr." Das Selbstverständliche erfährt jeden Tag eine radikale Umdeutung.

Die Kamera zieht auf, die Wohnung - Zufluchtsort und Beobachtungsstation - kommt in den Blick, das Haus, der Behindertenparkplatz, um den es einen ständigen Kampf gibt. Nebenbei wird es so zu einem West-Berlin-Buch. Das Leben draußen wird schneller, lauter, roher, gewalttätiger.

Bemerkenswert an dieser Autorin ist ihr Ton, ein ganz besonderer, beeindruckender Ton. Hier wird nicht gewertet, sondern geschildert. Nicht sagen, sondern zeigen, lautet eine alte Regel des Schreibens.

Doch ein Buch für mich!

Auch die Süddeutsche findet das Buch gut.

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Stephan Lohse
Ein fauler Gott

 


Suhrkamp

 

Bens Bruder Jonas stirbt mit acht Jahren, plötzlich, zu plötzlich für seine Mutter Ruth. Von hier an wird ein fein gewebter Teppich von Perspektiven der Trauer ausgerollt, angereichert mit den Aromen der 70er Jahre: braunrote Tapeten, Wuppertaler SV, RAF und Ravioli, Daktari und DAF. Ohne zu romantizieren wird die Jugend in dieser Zeit erzählt: auf dem Fußballplatz, in Wäldern, auf Bäumen, in Seen, aber auch die Grausamkeiten dieser Zeit und die Präsenz des Krieges.

Zwei unterschiedliche Formen des Trauerns: Ruth – für sie ist Ben jetzt eine Seele - denkt oft an Selbsttötung, muss aber für den elfjährigen Ben dableiben. Sie leitet nun alle Liebe und Fürsorge auf Ben um - fatal, kann er das aushalten? Sie erschrickt, wie bedingungslos Ben ihr vertraut und ihre tiefe Lebensverunsicherung nicht sieht. Ben hingegen baut seinen toten Bruder in den Alltag ein. Ein neugeborenes Kalb wird nach ihm benannt, Winnetou hilft auch, er schöpft Kraft aus der Freundschaft. Aber Gott bleibt für ihn ein fauler Gott, einer, der sich nicht kümmert. Ruths Leben gleitet langsam den Hang hinab, Ben wird standfester. Am Ende aber droht alles aus den Fugen zu geraten und nur Jonas kann "von oben" helfen.

Lohses Sprache ist wie ein Kaleidoskop: Eine kleine Drehung und der jugendliche Blick Bens ist verschwunden und die traurige Welt Ruths erklingt. Noch eine Bewegung und ein Lehrer spricht, der alte Herr, der Ben in seinem alten Auto empfängt, die französische Familie seines Freundes oder ein Mitschüler aus einem ganz anderen Milieu. Und da wären wir wieder bei dem fein gewebten Teppich.

Hier kann man sich noch eine Meinung bilden, der NDR hat sich dem Buch auch gewidmet und hier kann man den Autor im Interview sehen.

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Axel Hacke
Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

 


Kunstmann

Der Autor sitzt auf einer Bank, über ihm im Haus hört man einen Ehestreit. Plötzlich schubst ihn ein alter Herr mit einer überraschend kräftigen Bewegung ins Gras. Sekunden später kracht auf eben jene Stelle aus dem Fenster oben ein schwerer Globus auf die Bank.

Von diesem Tag an besucht ihn der melancholische Alte oft. Manchmal ist er zu verrückten Streichen aufgelegt und lässt die steinernen Löwen in der Feldherrnhalle durch Feuerreifen springen. Eigenartige Begegnungen sind an der Tagesordnung: So die trotz Verbot rauchende Schlange, der der Alte mit den Worten „Irgendwie verbotsresistent!“ die Kippe aus dem Maul nimmt. Der alte Mann zeigt ihm nun seine Frühwerke, verworfene Schöpfungen, wie z.B. die Ein-Mann-an-einem-Schreibtisch-Welt, die eine unendliche Traurigkeit ausstrahlt. Irgendwie hadert Gott mit seinem Werk und sucht Zerstreuung und Unterhaltung. Als die Welt mal wieder von religiösen Eiferern erschüttert wird, trifft er Gott am nächsten Tag am Flaschencontainer. Er habe – quasi aus Trotz gegen moralischen Religionsbotschaften - das ein oder andere Gläschen Champagner trinken müssen. Aber es bleibt nicht nur der Zweifel an seiner Schöpfung, er führt auch einen riesigen Schmetterling in seiner ganzen Schönheit vor.

Ein schmales Bändchen voller Humor und Herzenswärme, schön illustriert von Michael Sowa. Theolog*innen müssen aber manche Seiten aber zweimal lesen, weshalb ich das Buch auf etwa 160 Seiten schätze.

Mehr Eindrücke gibt es bei „Christ in der Gegenwart“, von Christine Westermann und in der Leselupe.

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Ute Beyer-Henneberger
Supervision und Burnout-Prophylaxe in pastoralen und schulischen Berufsfeldern


Kohlhammer

Pfarrer*innen und Reli-Lehrer*innen gehören sicher zu denen, die in der Gefahr arbeiten und leben, beruflich auszubrennen. Der Unterschied zu anderen Berufsgruppen ist der besondere Zugang zu Glaube und Spiritualität. Liegt hier ein Mittel der Vorbeugung?

Die Autorin beschreibt zunächst die Belastungsfaktoren, die vom Stress zum Burnout führen können. Wenn man dies liest, kommt es unweigerlich zu Aha-Momenten: die eigene Schule oder Gemeinde taucht vor den Augen auf. Die Autorin zeigt auch die berufsspezifischen inneren Einstellungen auf - auch hier lauert die Burnout-Gefahr: hohe Ziele, mangelnde Belohnung, Fairness und Gemeinschaft, fehlende Kontrolle über Arbeitsabläufe.

Was in der Forschung zwar oft diagnostiziert, aber offensichtlich nicht weiterverfolgt wird, ist der Sinnverlust in Leben und Arbeit. Hier kommt Religion ins Spiel, die sowohl heilend und vorbeugend (Gelassenheit und moralische Identifikation) als auch verschärfend (protestantische Arbeitsethik, Tüchtigkeit, Verantwortlichkeit für das eigene Schicksal) wirken kann.

Supervision für Pfarrerinnen und Reli-Lehrer kann eine besondere Ressource anzapfen: durch eine veränderte religiöse Selbstdeutung kann Burnout überwunden werden. Und wenn das klappt, dann kann dieser veränderte und verändernde religiöse Zugang auch dieser Erkrankung vorbeugen!

Hier noch eine Einschätzung von Babett Flügger vom rpi Loccum.

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Philippe Wampfler
Generation Social Media

Wie digitale Kommunikation Leben, Beziehungen und Lernen Jugendlicher verändert


Vandenhoeck & Ruprecht

Der Schweizer Philosoph und Medienkundler erzählt, wie digitale Kommunikation das Leben, die Beziehungen und das Lernen von Jugendlichen verändert. Diese Tatsache ist unbestritten, wie das aber zu deuten ist, da gehen die Meinungen auseinander. Die einen sehen darin den Untergang des Abendlandes, die anderen sehen hier eine nie dagewesene Chance, dass Jugendliche abseits von etablierten, schwerfälligen Strukturen Mittel und Wege finden, sich zu bilden und zu informieren.

Seine Haltung ist kritisch zugewandt: Anstatt vorschnell von „Sucht“ zu sprechen (ein Vorwurf, den sich auch der Film, das Fernsehen und selbst das Buch anhören mussten!), versucht er die Praktiken der Jugendlichen aus sich heraus zu verstehen, ordnet sie in ihren Entwicklungsprozess ein, weist auf Gefahren und ökonomische Strukturen hin und eröffnet dann einen pädagogischen Zugang.

Das Beste an diesem Buch ist, das man die Kompetenz erwirbt, Schüler*innen zum Gespräch über ihre - oft fremden - Medienpraktiken einzuladen, anstatt nur disziplinarisch oder klagend zu reagieren.

Und hier kann man den Autor in klarer und verständlicher Weise sprechen hören und sehen!

Martin Altmeyers Buch „Auf der Suche nach der Resonanz“ ist ein ähnlich wegweisendes Buch. Hier wird von der Position der Psychoanalyse auf das Phänomen der sozialen Medien geblickt. Mehr dazu auf der Homepage des Verlages und in einer interessanten Besprechung bei den katholischen Kolleg*innen.

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